Aeneas und Augustus, der Held aus dem römischen Epos Aeneis und der römische
Kaiser, der ein ewiges Rom schaffen wollte, waren am 24. November 2025 großes Thema
in der Aula der Wilhelm-Raabe-Schule für rund 120 Lateinoberstufenschülerinnen und
-Schüler aus Stadt und Region Hannover. Unter dem Titel IMPERIUM SINE FINE DEDI
hat der Würzburger Latinist Prof. Thomas Baier erklärt, wie der Dichter Vergil das
Schicksal des Aeneas darstellte, Flüchtling aus Troja und als späterer Gründer von
Lavinium mythischer Stammvater der Römer. Beruht das Schicksal (fatum) auf
Determination durch Jupiter als Schöpfergott oder ist es durch menschliche
Entscheidungen und Handlungen beeinflusst, wie es Jupiter im Epos am Schluss der
Aeneis gegenüber Venus betont? Muss man die Darstellung des Aeneas, das gesamte Epos
Aeneis, nicht viel stärker im Sinne des griechischen Philosophen Epikur verstehen, ein
goldene Zeitalter nicht als Paradies, in dem Milch und Honig fließen, das vielmehr labor
(Arbeit, Mühe) erfordert, aber dafür Selbstbestimmung beinhaltet?
Die meisten antiken Autoren haben den Lauf der Welt als Kreislauf, als zyklisches Modell,
betrachtet. Beim griechischen Historiker Hesiod und dem römischen Dichter Ovid lesen
wir, die Welt habe sich vom goldenen zu einem ehernen Zeitalter entwickelt. Vergil wird
zumeist als ein Autor gelesen, der Augustus verherrlicht hat. In einem seiner Gedichte
(4. Ekloge) verkündete Vergil, der von 70 bis 19 v. Chr. lebte, die Geburt eines
messianischen Knaben, der Frieden bringen solle. Kaiser Augustus betonte, er habe den
Römern endlich Frieden gebracht, ein augusteisches imperium sine fine, also ewiglich. Aber
vertritt Vergil wirklich ein teleologisches Geschichtsbild? Warum endet dann das Epos,
wenn es den „Friedenskaiser“ rühmen möchte, mit einem Gemetzel, Aeneas tötet am
Schluss von Vergils Epos seinen Widersacher Turnus?
Solche komplexen und grundlegenden Fragestellungen in der gymnasialen Oberstufe
erfordern – nicht nur im Fach Latein – Zeit, um sie im Schulunterricht zu thematisieren, zu
durchdenken, zu diskutieren. In der angeregten Diskussion nach dem Vortrag ging es u.a.
um die Frage, ob Vergil die Texte aus dem Alten Testament kannte und ob der lateinische
Begriff finis im imperium sine fine eigentlich nur räumlich (ohne Grenze) oder, wie von Prof.
Baier vorgeschlagen hat, zeitlich (ohne Ende, ewiglich) zu verstehen sei. Die Mühe, die es
mitunter kostet, sich Fremdsprachen mit Textlektüre (in Originalsprache) anzueignen,
wird offensichtlich belohnt. Übrigens ist Vergil seit 2000 Jahren Schullektüre!

